Vortragsreihe // lecture series

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Wie bereits angekündigt wird das Wintersemester 16/17 von unserer Vortragsreihe „Denn sie wissen nicht was sie lernen – Vortragsreihe zur Kritik der Bildungswissenschaften“ begleitet.
Aber warum eine Vortragsreihe zur Kritik der Bildungswissenschaften?

Die Bildungswissenschaften sind fester Bestandteil des Lehramtsstudiums und haben ihre Bedeutung mit der Umstellung 2012 vom Bachelor-/Master-System zum „Neuen Staatsexamen“ noch einmal verstärkt. Dies ist als solches zu begrüßen, bietet doch gerade dieses Fach zahlreiche Möglichkeiten, Bildungsprozesse auf individueller, wie auch auf gesellschaftlicher Ebene zu betrachten, zu hinterfragen und zu kritisieren. Jedoch scheint dieses Potenzial des Faches an den Verantwortlichen* für die inhaltliche und methodische Organisation des Studiums bislang vorbeigegangen zu sein, wenn es nicht sogar bewusst außen vor gelassen wurde. Denn in der Praxis verweilt die Lehre (im Gros) eher bei einer oberflächlichen Betrachtung, ohne den Studierenden Zeit und Raum für Fragen und Kritik zu bieten.

Deshalb haben wir, die Gruppe „Kritische Lehrer*innen Leipzig“, uns dazu entschlossen, unser bildungswissenschaftliches Studium selbst in die Hand zu nehmen und unseren Unmut darüber in einer Veranstaltungsreihe auszudrücken, deren Flyer ihr gerade in den Händen haltet. Die einzelnen Vorträge sollen verschiedene ausgewählte Inhalte der Module der Bildungswissenschaften um eine die gesellschaftlichen Bedingungen reflektierende Perspektive erweitern. Unsere Veranstaltungsreihe soll somit als kritische Begleitung des bildungswissenschaftlichen Inputs im Wintersemester 2016/2017 verstanden werden.

Übersicht:

Prof. em. Dr. Ludwig Pongratz – Einstimmung in die Kontrollgesellschaft – Der
‚Trainingsraum’ als neoliberales Strafarrangement
15.11.2016, 19.00 Uhr, Raum: HS 7
In diesem Vortrag sollen bestimmte Aspekte des bildungswissenschaftlichen Moduls „Praxis- und Studienfeld Schule“ aufgegriffen und kritisch hinterfragt werden. Dabei wird speziell das Konzept des Classroom-Managements und andere Formen des Umgangs mit (Unterrichts-)Störungen aufgegriffen. Ein weit verbreiteter Lösungsansatz zur Vermeidung dieser „Störungen“ sind sogenannte Trainingsräume – manchmal werden sie auch schlicht ‚Eigenverantwortungs’- oder ‚Betreuungsraum’ genannt – gehören inzwischen längst zum Standard von Reformschulen, die etwas auf sich halten. Es handelt sich dabei um ein gouvernementales Strafarrangement, welches sich als Teil des großen Disziplinierungsapparats Schule darstellt.

Prof. Wolfgang Maiers – Lernwiderstände und selbstgesteuertes Lernen – Lernpsychologie vom Subjektstandpunkt
21.11.2016, Uhrzeit: 17.00, Raum: HS 8

Klaus Holzkamps Monographie über „Lernen“ von 1993 nimmt die in der Schulpraxis und in entsprechenden pädagogisch-psychologischen Theorien verbreitete Tendenz, Lernen an Belehrtwerden zu binden, zum Ausgangspunkt. Dieser „Lehr-Lern-Kurzschluß“ korrespondiert mit der gängigen Vorstellung allgemein-psychologischer Lerntheorien, wonach Lernen als Änderung der individuellen Verhaltens- und Erlebensdispositionen durch äußere Bedingungen bewirkt  werde. Hier wie dort – im verhaltenspsychologischen Objektivismus wie in der Ideologie des Lehrlernens – wird die Subjektivität der Lernenden mystifiziert, indem fremdgesetzte Lernanforderungen und ihre subjektive Übernahme unhinterfragt vorausgesetzt werden. Aus unserer Alltagserfahrung ist uns indes geläufig, dass wir in etlichen Zusammenhängen ein starkes Bedürfnis verspüren zu lernen und dies mit großer Ausdauer tun, in vielen Fällen aber (nicht nur in der Schule) auf Lernaufgaben und  angebote eher widerständig reagieren. Wenn Lernen der wesentliche Modus des Menschen ist, sich Welt anzueignen und handlungsfähig zu werden, bedarf diese Ambivalenz der Aufklärung. Um sie zu verstehen, ist es aus kritisch-psychologischer Sicht erforderlich, die jeweilige „typische Prämissenlage“ aufzuklären, unter der die eine oder andere (Lern-) Haltung vom Subjektstandpunkt aus begründet ist. Im Vortrag sollen Grundzüge einer subjektwissenschaftlichen Theorie des Lernens umrissen werden.

Prof. Dr. Morus Markard – Probleme und Möglichkeiten subjektwissenschaftlicher Diagnostik
08.12.2016, 17.00 Uhr, Raum: HS 7

Psychologische Diagnosen gehören in sofern zum Alltag, als sich Menschen beständig ein Bild anderer Menschen machen und sie mit (Persönlichkeits-) Eigenschaften (wie „schlau“, „hinterhältig“, „zuvorkommend“) versehen bzw. nach derartigen Eigenschaften vergleichen. Das macht das Leben übersichtlicher und dient einer gewissen Komplexitätsreduktion. Psychologische Diagnostik hat zum Ziel, Diagnosen zu verwissenschaftlichen, etwa indem Testdiagnostik als „wissenschaftsgestützte Technologie“ Eigenschaftsunterschiede dingfest machen will. Die Frage ist aber, ob Verwissenschaftlichung die Präzisierung und damit Verdoppelung von Alltagszuschreibungen ist, oder ob psychologische Diagnostik derartige Zuschreibungen in ihrer Funktion zu hinterfragen hat – etwa mit den Fragen, ob Diagnosen aus dem gesellschaftlichen Kontext gelöst werden, ob aus gesellschaftlichen Beschränkungen subjektive Beschränktheiten werden oder ob mit der Feststellung von Abweichungen von einem Durchschnitt (wie übrigens auch in der Notengebung) der Gedanke menschlicher Subjektivität verfehlt wird. Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, vor welchen Herausforderungen eine subjektwissenschaftliche, die gesellschaftliche Vermitteltheit und subjektive Funktionalität menschlichen Handelns berücksichtigende Diagnostik steht und welche Probleme und Möglichkeiten mit ihr verbunden sind.

Dipl.-Sozialpäd. Matthias Meyer – Inklusion − oder worüber wir eigentlich reden sollten. Eine gesellschaftskritische Betrachtung
03.02.2017, Uhrzeit: 17:00 Uhr, Raum: HS 3

Mit der „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“ (United Nations 2006) ist das wohl wichtigste Dokument seit dem „Salamanca-Statement“ (United Nations 1994) als rechtliche Verankerung für Inklusion vorgelegt worden. Aber was heißt eigentlich Inklusion? Insgesamt herrscht eine Eindeutigkeit in der Uneindeutigkeit eines Begriffsverständnisses von Inklusion. Diese Uneindeutigkeit birgt die Gefahr der Vereinnahmung des Begriffs von Akteuren, die diesen entgegen der ursprünglichen Intention für ihre Zwecke missbrauchen. So wird vermehrt von einer Inklusionsrhetorik gesprochen, die einer Realität von Inklusion zuwiderläuft. Stichwort hierbei sind beispielsweise neoliberale Entwicklungen, die das Individuum immer mehr in die Verantwortung nehmen für Gelingens-, vor allem aber für Scheiternsprozesse. Eine sich kritisch verstehende Erziehungswissenschaft, die explizit gesellschaftliche Bedingungen von Bildung und Erziehung berücksichtigt, verbietet eine allein beim Individuum ansetzende Erklärung. Zudem zeigt sich vielmehr, dass strukturelle Lebensbedingungen des Aufwachsens schwieriger geworden sind und nicht die Kinder und Jugendlichen, die vielfach einem erhöhten Exklusionsrisiko ausgesetzt sind. Was also anfangen mit einer zunehmenden Biologisierung bzw. Medikalisierung normabweichenden Verhaltens? Was anfangen mit einer Zunahme Entlastung suggerierender, sozialtechnologischer Programme? Was anfangen mit einer zunehmenden Ökonomisierung von Erziehungs- und Bildungsprozessen? Vermutlich liegt die Antwort darin, Fragen zu stellen − kritische Fragen unter anderem Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen sowie institutionell-gesellschaftliche Bedingungen von Erziehung und Bildung betreffend. Es zeigt sich, dass wir zumindest zusätzlich über etwas Anderes als Inklusion sprechen sollten.

Prof. em. Dr. Klaus Ahlheim – Aufklärung ohne Phrasen. Die Aktualität des pädagogischen Adorno
18.01.2017, 19.00 Uhr, Raum: HS 3

In der sogenannten Flüchtlingskrise, die eigentlich die Krise eines neoliberalen und zugleich neonationalistischen Europas ist, erweist sich der pädagogische Adorno als hochaktuell. Die flüchtlings- und fremdenfeindlichen Aktionen, die derzeit stattfinden, zeichnen sich im Kern durch die Unfähigkeit zu Empathie, zum Mitleiden und Sich-Einfühlen aus. Adorno hat wie kaum ein anderer in der Geschichte der neueren Pädagogik diese Unfähigkeit zur Empathie, die „Kälte des isolierten Konkurrenten“, ins Zentrum einer kritischen Pädagogik „nach Auschwitz“ gestellt. Er hat die subjektiven und objektiven Ursachen dieser Empathielosigkeit analysiert und bei aller Skepsis doch entschlossen daran festgehalten, dass frühkindliche Bildung, Erwachsenenbildung und nicht zuletzt die Schule Orte einer fundamentalen politischen Erkenntnis sein müssen und können, der Erkenntnis nämlich, dass gesellschaftliche Verhältnisse gemacht und damit veränderbar sind und dass ein menschliches Zusammenleben denk- und machbar ist, das keine Fremden, Anderen, Flüchtlinge als Sündenböcke mehr braucht. Im Vortrag soll ausgehend von Adornos pädagogischen Theorien und aktuellen Forschungsergebnissen zur Empathiebildung eine mögliche Ursache für die gesellschaftliche Kälte diskutiert werden. Dieser Vortrag steht somit im Kontext des bildungswissenschaftlichen Moduls „Bildung in historischer, systematischer und internationaler Perspektive“, da er sowohl an die Frage anknüpft, was das wahre Wissen ist, und wie dieses vermittelt werden kann, als auch an eine Perspektive auf eine immer divergierendere Gesellschaft im Kontext der Holocaust-Education, die sich dennoch dem Adorno’schen Imperativ für Bildung unterwerfen soll.

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